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... METHODIK 

/  Quellenanalyse BEARBEITUNGSBEISPIEL:

 

 

,Wiederaufstieg der deutschen Wirtschaft´ - Eingabe einiger führender Industrieller, Bankiers und Großagrarier an Reichspräsident von Hindenburg, November 1932:

Wir bekennen uns frei von jeder engen parteipolitischen Einstellung. Wir erkennen in der nationalen Bewegung, die durch unser Volk geht, den verheißungsvollen Beginn einer Zeit, die durch Überwindung des Klassengegensatzes die unerlässliche Grundlage für einen Wiederaufstieg der deutschen Wirtschaft erst schafft. Wir wissen, dass dieser Aufstieg noch viele Opfer erfordert. Wir glauben, dass diese Opfer nur dann willig gebracht werden können, wenn die größte Gruppe dieser nationalen Bewegung führend an der Regierung beteiligt wird.

Die Übertragung der verantwortlichen Leitung eines mit den besten sachlichen und persönlichen Kräften ausgestatteten Präsidialkabinetts an den Führer der größten nationalen Gruppe wird die Schwächen und Fehler, die jeder Massenbewegung notgedrungen anhaften, ausmerzen und Millionen Menschen, die heute abseits stehen, zu bejahender Kraft mitreißen.

 

 

 

QUELLENBEARBEITUNG:

 

1.        in welchen historischen zusammenhang gehört der quellentext?

·          Die hier als Textquelle vorliegende Eingabe führender Industrieller an den Reichspräsidenten der Weimarer Republik Hindenburg stammt aus dem Jahre 1932

·          Dieses Jahr bildet den Höhepunkt der Untergangsphase der Weimarer Republik, zu der es im Anschluss an die Weltwirtschaftskrise ab 1929 gekommen war: seit 1930 war keine mehrheitsfähige Regierung mehr zustande gekommen; der Notstandsartikel 48, nutzbar für die Bestellung von Kanzlern auf der Basis bloßer Reichspräsidentenverfügung, fand nun wiederholten Einsatz, so dass in diesem Jahr nach der Entlassung des ersten Präsidialkanzlers Brüning (Z) zunächst Papen, dann Schleicher (OHL), dann wieder Papen mit diesem Amt betraut wurden, weil zweimalige Reichtstagswahlen im Juni und November zu keinen aussichtsreichen Mehrheitsverhältnissen geführt hatten

·          Auch der Umstand, dass einmal mehr zwei Präsidentschaftswahlgänge erforderlich gewesen waren und niemand als der greise Hindenburg sich als mehrheitsfähig erwiesen hatte, machte die Lage der krisengeschüttelten Republik alles andere als aussichtsreich. 

·          Insbesondere der Zulauf zur NS-Bewegung und deren Anwachsen zur stärksten Reichstagspartei schien deshalb anders als bisher beachtet werden zu müssen:  entweder war Hitler zu entlarven als einer, der nur leere Versprechungen zu bieten hatte (Papens Bestreben).  Oder ihm war endlich der Spielraum zu verschaffen, der neuerlichen wirtschaftlichen Wiederaufstieg versprach, weil dieser Hitler einerseits eine entschieden revisionistische Außenpolitik in Aussicht stellte, andererseits die lähmenden inneren Zwistigkeiten diktatorisch zu überwinden versprach.

·          Nicht allein antirepublikanisch ausgerichtete Rechts-Parteien samt ihren Kampfverbänden, sondern auch führende Vertreter der Wirtschaft erhofften sich  von einer Überwindung der Weimarer Verfassung hin zu einer Diktatur eine Besserung der Verhältnisse nach innen wie außen.  Entsprechend suchen sie nach Einwirkungsmöglichkeiten auf den greisen Reichspräsidenten.

 

2.       welche Art von Text liegt hier vor? – schlussfolgerungen?

·          Die vorliegende Textquelle stammt von führenden Vertretern der deutschen Wirtschaft.  Als direkte Eingabe an den Reichspräsidenten stellt sie eine ausdrückliche politische Aktion und Willensäußerung dar.

·          Der Reichpräsident soll hinsichtlich der Ausübung des Artikels 48 in der Kanzlerfrage zu einem ganz bestimmten Verhalten bewogen werden:  er soll Hitler zum Präsidialkanzler berufen.

 

3.       Was ist Text-thema?

·          Textthema ist eine von der Zukunftsträchtigkeit der NS-Bewegung überzeugte Lageeinschätzung („wir erkennen in der nationalen Bewegung, ..., den verheißungsvollen Beginn einer Zeit, die... die Grundlage für einen Wiederaufsteig ...erst schafft“

·          Und Textthema ist:  der Antrag auf Übergabe des Kanzleramtes an Hitler  („Die Übertragung... eines ... Präsidialkabinetts an den Führer der größten nationalen Gruppe“)

 

4.       Was sind die Hauptaussagen/Thesen/forderungen?

·          Aussage 1:  man sei nicht eng parteipolitisch eingestellt

·          Aussage 2:  die „nationale“  Bewegung stehe für den Beginn einer neuen Zeit mit Wiederaufstiegsperspektiven für die Wirtschaft

·          Aussage 3:  denn sie wolle und werde „durch Überwindung des Klassengegensatzes die Grundlage“  dafür „schaffen“

·          Aussage 4:  die dazu erforderliche Opferbereitschaft entstehe nur, wenn die „größte Gruppe dieser nationalen Bewegung führend an der Regierung beteiligt“ werde

·          Aussage 5:  was an dieser Bewegung noch problematisch sei („die Schwächen und Fehler, die jeder Massenbewegung notgedrungen anhaften“), werde durch die Berufung in amtliche Verantwortung abgeschliffen („ausgemerzt“)  -  das sei die Voraussetzung dafür, dass sich noch weit mehr Menschen für diesen Aufbruch mobilisieren ließen

 

5.       Mögliche wirkung?

·          keine öffentliche als Eingabe einer Interessengruppe

·          da an den Reichspräsidenten mit den enormen Kompetenzen des Artikels 48 gerichtet, aber ein gewichtiges Stück Einflussnahme auf dessen Entscheidungen, denn hier äußern sich die, ohne deren politische Loyalität kein Staat funktionieren kann

·          die Argumentation  entspricht den anitrepublikanischen Ressentiments des Adressaten wie weiter Teile der Bevölkerung gleichermaßen:  es sei das aussichtslose Agieren mit Klassengegensätzen, das die Grundlage der Weimarer Republik bilde.  Nur die Überwindung dieser Grundlage durch ´nationales Denken und Handeln´ schaffe die Grundlage für die endlich erforderlichen Wiederaufstiegsperspektiven

·          und die Argumentation setzt auf gleichsam selbsttätige Kräftebündelungs- und –reinigungs-Effekte, die sich automatisch einstellten, sobald man dem, was zu einer unübersehbaren Volksbewegung geworden sei, zum Durchbruch politischer Verantwortung verhelfe  -  Bedenken  erübrigten sich deshalb. 

Mit Hilfe solcher Überlegungen sollten sich die konservativen Ressentiments des Reichspräsidenten gegen die Pöbelhaftigkeit der NS-Bewegung und ihren Führer Hitler, der es im Krieg n ur bis zum Gefreiten gebracht hatte, auflösen.