RHETORIK

aus: http://www.rhetorik-homepage.de/Lehrbuch.html

 

 

Gegenstand

Mittel

Stil-Mittel

 »die Möglichkeiten zu erforschen und die Mittel bereitzustellen, die nötig sind, die subjektive Überzeugung von einer Sache allgemein zu machen« (Ueding / Steinbrink 1986: 1).

Die Rhetorik beschäftigt sich besonders mit der Frage, wie ein Redegegenstand am überzeugendsten präsentiert werden kann.

 

Der sprachliche Ausdruck, die stimmliche und gestische Ausführung, die persönliche Präsenz und die Interaktion mit dem Publikum sind Mittel, die eigene Überzeugung von einem Redegegenstand zu vermitteln. Mitunter wird das Redeziel nahezu besser durch die Art des Vortrags erreicht als durch seinen Inhalt.

 

 

Qualität
Doch ist die Rhetorik weit mehr als eine Redekunst; sie ist auch ein heuristisches Instrument, das die Aneignung, Speicherung und Darbietung von Wissensschätzen lehrt, denn die Redekunst ist immer zugleich auch eine Kunst der Darbietung zunächst angesammelten Wissens.

 

Der Redeschmuck in Einzelwörtern besteht aus folgenden Formen:

1. Archaismus
Als Archaismus wird die Verwendung eines Wortes bezeichnet, welches aus dem Alltagsgebrauch seit einiger Zeit verschwunden ist.

2. Neologismus
Ein Neologismus ist eine Wortneuschöpfung des Redners. Die Wortneuschöpfung durch ungewöhnliche Komposition gehörte in der Frühen Neuzeit zu den weit verbreiteten poetischen Stilmitteln (-> Opitz, Poetik) und wurde bis zur manieristischen 'Dunkelheit' getrieben.

3. Tropen
Ein tropus ist ein uneigentlicher Ausdruck, der an die Stelle eines eigentlichen tritt.
"Tropen sind Differenzbegriffe", welche die Art des Unterschieds zwischen eigentlichem und ersetztem Ausdruck bestimmen (Groddeck 1995: 209).
Die Funktion der Tropen liegt nicht nur in der Ausschmückung und 'poetischen' Ausdrucksweise, sondern zunächst der Verdeutlichung des Inhaltes. So heißt es in der Rhetorik von Lindner (1770/71), die Tropen dienten zur gegenständlichen Konkretisierung geistlicher Inhalte, zur Verdeutlichung eines Sachverhaltes und zur nachdrücklichen Betonung einer Aussage. Eine Einteilung der Tropen kann vorgenommen werden je nach der 'Nähe' des ersetzenden zum eigentlichen Ausdruck.

 

Rede-Produktionsstufen Rede-Aspekte

Die Rhetorik lehrt die Produktion einer Rede von der ersten Idee bis hin zum öffentlichen Vortrag.

Dabei werden die einzelnen Produktionsschritte genauso beschrieben, wie die innere Organisation der Rede selbst.

 

In der klassischen Rhetorik ist für den Produktionsgang der Rede die Differenz grundlegend zwischen Gegenständen und Gedanken einerseits...

... und ihrer sprachlichenFormulierung andererseits (res/verba).

Zunächst werden die Gegenstände gesammelt und geordnet ...

...und sodann sprachlich eingekleidet.

Beide Bereiche gehörten notwendig zusammen: Denn die Worte verlieren ihre Grundlage, wenn sie nicht Dinge bezeichnen, und die Dinge können nur mittels der Sprache ans Licht gestellt werden (Cicero, de orat., III,19

 

 

rhetorices partes (Teile der Reden, Quintilian)

 

officia oratoris (Aufgaben des Redners)

 

Officia oratoris heißen aber bei Quintilian auch die Wirkungsweisen der Rede:

 docere (belehren),

movere (bewegen),

delectare (erfreuen).

TOPIK

 

Die Topik ist eine Kunst des systematischen Fragens.

Sie soll die Technik bereitstellen, den Gegenstand der Rede nach seinen argumentativen Möglichkeiten zu beleuchten.

Die Topik hat also 'heuristischen Charakter', denn sie gibt »Anweisungen zum erfolgreichen Auffinden von Argumenten« (Kopperschmidt 1973: 140).

Dabei gibt sie dem Redner bestimmte Denkprinzipien bzw. Suchpfade an die Hand, die zu bestimmten Orten (loci) führen, an welchen die Argumente zu finden sind.

Die einzelnen Topoi sind nach der klassischen Definition von Quintilian nicht die Argumente selbst, sondern die Örter, wo sie aufzusuchen sind .

»Topisches Denken meint [...] die kreative Fähigkeit, die 'gefundenen' Aspekte einer Argumentation miteinander zu verbinden und daraus Überzeugungskräftige Aussagen abzuleiten.«
(Ottmers 1996: 88)

 Der Topos-Begriff hat  verschiedene Dimensionen:
- heuristisch (als Suchort)
- argumentativ (als Vorwurf, Anstoß zu einer Argumentation)
- rhetorisch (als struktureller Bestandteil in der Rede selbst)

Der Redner gelangt findet mit dem Topos einen allgemeinen Gesichtspunkt.

Dieser Gesichtspunkt wird zum Ausgangspunkt einer Erwägung. Durch seinen allgemeinen Charakter ist der Gesichtspunkt einerseits inhaltlich offen, andererseits bestimmt er den Gegenstand der Erwägung, da eben dieser Gesichtspunkt und kein anderer hinzugezogen worden ist. Die rhetorische Funktion besteht darin, daß der allgemeine Gesichtspunkt unstrittig ist, d.h. als Ausgangspunkt meiner Erwägung nicht angezweifelt werden kann und dadurch die Wahrscheinlichkeit und Glaubwürdigkeit der Argumentation stützt.

Voraussetzung hierfür ist, daß die Topoi wertneutral sind. Man kann sie als Schnittpunkte der Argumente bezeichnen, als allgemeine Punkte, die erst durch die argumentative Inbezugsetzung durch den Redner ein parteiisches Gewicht erhalten.

 

Sämtliche Gegenstände haben Bezug entweder auf eine Person oder auf eine Sache.

Entsprechend werden Personal- und Sachtopoi unterschieden.

loci a persona (nach der Person)

    genus, Abstammung

    natio, nationale Unterschiede

    patria, Vaterland

    sexus, Geschlecht

    aetas, Altersstufe

    educatio et disciplina, Erziehung und Ausbildung

    habitus corporis, Körperbeschaffenheit

    fortuna, Vermögensverhältnisse / Schicksal

    conditio, soziale Stellung

    animi natura, (Wesensart)

    studia, Beruf

    quid affectet quisque, (Vorlieben und Neigungen),

    ante acta dicta, (Vorgeschichte),

    nomen, Namen

Man stelle sich einmal die Aufgabe eines Zeitungsredakteurs, der sehr schnell unter der Rubrik »Kurz porträtiert« den Kandidaten für ein Amt vorstellen soll. Anhand dieser Liste wird er sein Wissen rasch ordnen können und einen breiten Materialfundus gewinnen, aus dem er schöpfen kann.

loci a re nach der Sache
Argumente zu einem Sachverhalt können gewonnen werden:

a causa, nach der Ursache

a loco, nach dem Ort der Handlung

a tempore, nach den ZeitumstÄnden

a modo, nach der Art und Weise

a facultate, nach den Möglichkeiten

a (de)finitione, nach der Definition und Abgrenzung

a enumeratione partium, durch die Aufzählung der Teile

a simili, nach Ähnlichkeiten (etwa ähnlichen Fällen)

a comparatione, durch Vergleichung

a fictione, durch die Erzählung fingierter Umstände

a circumstancia, durch die Umstände

a genere et specie, aus dem Allgemeinen und dem Besonderen

a toto et partibus, aus dem ganzen, zu dem etwas gehört, oder

aus den Teilen, aus welchen es besteht

 

Die Loci dienen aber nicht nur zur Befragung einer aktuellen Person oder Sache, sondern stellen auch eine Erinnerungshilfe dar, eine Systematik, die das Gelernte in der Erinnerung zugänglich macht. Daraus entwickelt sich ein Ordnungssystem.

So wurden in den Redeschulen zu bestimmten Redegegenständen - etwa besonders häufigen juristischen Fragen - »typische Argumente« (Dyck 1996: 1847) zusammengestellt, die nun jederzeit für unterschiedliche konkrete Fragen zur Verfügung standen. Dabei handelt es sich um sogenannte Gemeinplätze bzw. loci communis.

»Ein locus communis erscheint nicht so sehr als Fundort für Argumente, sondern als allgemeine Erwägung (communis).«
(Dyck 1996: 1847)

Im Humanismus entwickelte sich diese Technik zu einer umfassenden Verzettelungstopik. Unter vorgefertigten Topoi wurden LesefrÜchte gesammelt, die für eigene Arbeiten als Belegstellen, illustrierende Beispiele und klassische Argumente diesen konnten.

»Der Humanist war auf seine Lesefrüchte, die er in Loci-communes-Hefte eintrug, angewiesen, brauchte er doch das Wort der AutoritÄten zum Beweis einer These, zur UnterstÜtzung der eigenen Aussage oder als schmückendes Zitat.«
(Dyck 1996: 1850)

So entstanden zahllose Sammlungen denkwürdiger Stellen, sogen. »Florilegien«, aber auch Emblembücher, biblische Iconographien, PflanzenbÜcher mit entsprechenden Sinnsprüchen etc. Der Gelehrte des 17. Jahrhunderts wurde zum Sammler und Ordner der klassischen Quellen, zum enzyklopädisch arbeitenden »Polyhistor«.

»Florilegien und poetische Schatzkammern gehören zu seinem unentbehrlichen Handwerkszeug. Sie versorgen ihn mit passenden Sentenzen, Über die er nach Maßgabe ihres exemplarischen Wertes frei verfügt.«
(Dyck 2.1969: 8)

 

 

Die Suche nach den passenden Argumenten ist jeweils parteiisch.

 Sie ordnet sich dem Redeziel unter.

Der Redner wird so in unterschiedlichsten Redesituationen unterstützt. Er kann unter dem Stichwort Argumente von hoher allgemeiner Akzeptanz finden.  Die richtige Wahl wird nicht nur durch das konkrete Redeziel bestimmt, sondern auch von der Art der Rede. Der Redner muß also bereits wissen, ob er das Publikum belehren (docere), unterhalten (delectare) oder mitreißen (movere) will.

 

inventio (Erfindung):

 

Die inventio bezeichnet die Kunst, die spezifischen Merkmale und Argumente eines allgemeinen Redegegenstandes zu finden.

Den eigentlichen Anlaß und Gegenstand der Rede braucht der Redner zumeist nicht zu suchen, da er durch vielfältige gesellschaftliche Anlässe vorgegeben ist.

Nicht also die freie Wahl eines Themas beschäftigt den Redner, sondern die Ausführung eines vorgegebenen Problems oder einer sozialen Verpflichtung.

Der Gegenstand ist immer schon bestimmt. Er besteht aus einem allgemeinen Redeproblem (Hochzeitsrede bzw. Kriegsrede) und den spezifischen Merkmalen des aktuellen Falls: Die Besonderheiten dieses konkreten Falles bilden das eigentliche Feld des Redners.

Um sich der Frage zu stellen, wie die konkreten Merkmale und die spezifischen Argumente durch den Redner gefunden werden können, hat die klassische Lehre eine eigene Findetechnik entwickelt: die Topik (siehe Abschnitt Topik>>

 

Der Redenschreiber hat in der Phase der Stoffindung bereits zwei Dinge bei der Auswahl zu berücksichtigen:


1. die interne Funktion innerhalb des Aufbaus der Rede


2. die externe Funktion im Hinblick auf das erwünschte Redeziel, das heißt die erwünschte Wirkung der Rede.

Bei der inventio wird bereits deutlich, warum einerseits die Rhetoriklehrer vom Redner ein besonders breites Wissen forderten und warum andererseits die Rhetorik bis ins 18. Jh. als eine Grundlagentechnik für die weitere akademische Ausbildunggalt.

Die Erfindung ist nicht individuelle Schöpfung, sondern ein analytisches Vorgehen, welches als Vorstufe wissenschaftlicher Untersuchungen zu gelten hat.

Die Inventio ist endlich bereits als eine parteische Aufgabe anzusehen, da die Wirkung der Argumente vor dem Hintergrund des Redeziels jeweils schon mitzubedenken ist

dispositio (Gliederung):

 

Die Aufgaben, die der Redner im Rahmen der dispositio zu bewältigen hat, sind zum einen:

... die Anordnung der »Erfindungen« nach dem Struktuschema der Rede, welches von der Redegattung bestimmt wird.

...Zum anderen muß auch hier bereits der Blick auf das Redeziel gelenkt werden, denn der Redner hat die Argumente so anzuordnen, daß sie in bestmöglicher Weise das angestrebte Redeziel befördern und die bestmögliche Wirkung entfalten können.

Grundlegend ist auch die Forderung nach einer logischen, kohärenten Gedankenführung: eine Forderung, die nicht nur für die klassische Rhetorik gilt...

 

Die Rhetorik unterscheidet eine vorausgesetzt natürliche Ordnung der Dinge (ordo naturalis) von Abweichungen (ordo artificialis), das heißt eine offene und durchsichtige Ordnung von einer kunstvollen und vielleicht nicht gleich durchschaubaren.

 

Als eine natürliche Ordnung gilt die Abfolge von Einleitung, Gegenstandsbeschreibung, Beweisführung und Schlußfolgerung.

Es ist aber auch möglich, als natürliche Ordnung einen Aufbau anzusehen, der selbst aus dem Gegenstand folgt, ...

...während ein artifizieller Aufbau den Gegenstand unter sekundären Gesichtspunkten betrachtet.

Ein Beispiel: Ein Reisender hat ein fremdes Land gesehen und möchte nach seiner Rückkehr das Gesehene und seine Ansicht über das Reiseland in einem Buch darlegen. Folgte er nun einer aus der Sache selbst (der Reise) abgeleiteten Ordnung seiner Beobachtungen, so könnte er ein Reisetagebuch vorlegen, das chronologisch seinen Reiseweg zeigte (ordo naturalis = temporalis, chronologische Folge). Er könnte sich jedoch auch von den Ordnungsschemata der Landeskunde und Geographie leiten lassen und seine Beobachtungen so systematisch darbieten (ordo artificialis, systematische Aufbereitung

 

elocutio (Einkleidung der Gedanken in Worte):

 

    Die elocutio dient der Versprachlichung und Verdeutlichung der Argumente, die sie durch adäquate Mittel effizienter und wirkungsmächtiger macht.

    1.) Zunächst geht es also darum, den Gedanken überhaupt zur Sprache zu bringen.

    2.) Dann muß es das Ziel sein, den Gedanken auf die richtige und angemessene Weise darzustellen.

    3.) Und nicht zuletzt ist es auch Ziel der elocutio, die sprachlichen Fähigkeiten des Redners in möglichst positivem Licht erscheinen zu lassen.

 

Die kunstvolle Einkleidung der Rede gehört ebenfalls zur elocutio. Sie wird als ornatus, Redeschmuck, bezeichnet und soll einerseits klar und deutlich und andererseits dem Inhalt und der Redeabsicht angemessen sein.

Wichtigster Bestandteil der elocutio sind in der Rhetorik die Stillehren >>.

Dabei werden die wichtigsten Stilqualitäten in den Rhetoriken teilweise sehr ausführlich behandelt: die Sprachrichtigkeit (latinitas, auch puritas) und die Deutlichkeit (perspicuitas) sowie der Redeschmuck (ornatus):

    Wichtig: erlaubte Verstöße (Lizenz) und innovativer Sprachgebrauch realtivieren den dogmatischstrengen Charakter der geforderten Sprachreinheit

    2) perspicuitas: die Wahl treffender und verständlicher (durchsichttiger) Ausdrücke wird unter dem Begriff perspicuitas gefordert; sie ist das Gegenteil des dunklen, unverständlichen Ausdrucks (obscuritas), der aber ebenfalls unter bestimmten Voraussetzungen ein Stilideal sein kann.

    3) ornatus:besonders schöne und wirkungskräftige Ausdruckswahl, umfaßt die Figurenlehre und Tropologie

 

 

Die jeweiligen Anforderungen an eine gute elocutio können ganz verschieden sein. Sie hängen zum einen von der jeweiligen Redegattung und dem Redeanlaß ab, zum anderen unterliegen sie einem historischen Wandel der Ansichten über Richtigkeit und Schönheit des sprachlichen Ausdrucks. Jede Zeit entwickelt ihre eigenen Vorstellungen.

Eine besonders wichtige Forderung an den guten sprachlichen Ausdruck wird als aptum bezeichnet. Es geht um die Angemessenheit des sprachlichen Ausdrucks. Eigentlich handelt es sich dabei um zwei wichtige Gesichtspunkte, welche der Redner (oder Schreiber) in jedem Fall berücksichtigen muß, um seinem Text die gewünschte Wirkung zu verschaffen.

Die Angemessenheit bezieht sich sowohl auf den Text der Rede (von hohen Personen nicht in einfachen Worten reden etc.), als auch auf die äußeren Umstände und den Redner selbst. Der Redner wird den Ort und Zeitpunkt der Rede berücksichtigen und auch sein Auftreten der eigenen Person anpassen.

Die Schulrhetorik hat hier besonderen Wert gelegt auf die Berücksichtigung der sozialen Stellung des Angesprochenen. Nicht zuletzt die Rhetoriken des Briefschreibens (Epistolographie, Briefsteller) handeln umfänglich von diesem Problem.

 

memoria (Einprägen der Rede):

 

In der klassischen Rhetorik waren schriftliche Notizen verpönt, bei Gerichtsreden tlw. ausdrücklich untersagt. Eine der wichtigen Aufgaben des Redners war es also auch, sich die Rede ins Gedächtnis einzuprägen. An den humanistischen Schulen wurden dementsprechend die Reden auswendig gelernt und frei gehalten.

Ein gutes Gedächtnis galt dabei durchaus als eine Gabe, dennoch wurde im Rahmen der Rhetorik das Vermögen des Gedächtnisses als trainierbar angesehen, und man machte sich Gedanken über Erinnerungstechniken.

In den Rhetoriken werden häufig Hinweise zum Memorieren der Rede gegeben. Diese reichen von dem Tip, wichtige Stellen in einer Farbe, Absatzanfänge in einer anderen zu markieren, bis hin zur Verknüpfung der Redeabschnitte mit bestimmten äußeren Merkpunkten (die Balken eines Zimmers etc.), die als memoriae artificales bezeichnet werden.

Den meisten mnemotechnischen Ratschlägen liegt der Gedanke zugrunde, daß bildräumliche Vorstellungen leichter im Gedächtnis bleiben als abstrakte Denkgebäude. Beliebt war der Vergleich der Rede mit einem Haus. Der Redner sollte die Teile einer Rede mit ihren jeweiligen Argumentationen bzw. Redepunkten als Räume in einem Haus imaginieren, die er dann nach und nach durchwandern könne.

 

pronuntiatio / actio (Vortrag, stimmliche, mimische und gestische Mittel):

 

Die letzte Phase betrifft schließlich den öffentlichen Vortrag selbst und behandelt das physische Auftreten des Redners, seine Gestik und Mimik, durch die er seine Glaubwürdigkeit und Integrität unterstreicht.

Der Vortragskunst wurde durchaus eine große Bedeutung zugesprochen, und schon Cicero erkannte, daß ein mittelmäßiger Redner durchaus durch eine hervorragende Vortragstechnik mehr erreichen könne, als ein nur in den übrigen Bereichen hervorragender Redner, der seine Rede jedoch nicht entsprechend zu halten vermag. (Vgl. Cicero, De orat III,213).

Unter diesen Bereich in der Rhetorik fallen etwa Sprechanweisungen, ...

...die zunächst die genügende Lautstärke und Klarheit der Aussprache fordern

...und dann auf die korrekte Satzbetonung eingehen (Fröhliches fröhlich, Trauriges traurig; Pause nach Punkt etc.).

Nur erwähnt sei hier der breite Übergangsbereich zum Schauspiel, der einerseits durch die verwandten gestischen und mimischen Ausdrucksformen offensichtlich ist, andererseits in der Geschichte auf eine lange Tradition des Schultheaters als Teil der rhetorischen Ausbildung zurückgeht.

 

 

Rede-Teile

Für Reden, die nicht einem speziellen Aufbau folgen (wie die Gerichtsrede oder die Predigt), läßt sich zumeist folgende allgemeine Gliederung zugrunde legen:
1.
exordium
2.
propositio
3.
tractatio
4.
conclusio oder peroratio

 

1. exordium

Das exordium dient der Herstellung der Redesituation. Der Redner stellt einen Bezug zwischen sich und dem Publikum her.

Im exordium kann so das Wohlwollen des Publikums gegenüber der Person des Redners oder gegenüber dem Redegegenstand (benevolum parare), die Aufmerksamkeit gegenüber wichtigen und neuen Materien (attentum parare) oder die Wissbegierde des Publikum (docilem parare) geweckt werden.

Mitunter ist auch eine Einschmeichelung (insinuatio) notwendig. Sie wird bei besonders heiklen Themen notwendig (genus admirabile), besteht in der Kunst, sich den Zuhörern fast wider ihren Willen einzuschmeicheln.

 Wenn eine anstößige Person verteidigt werden soll, spricht man z.B. von einer ehrenhaften, oder wenn die Zuhörer bereits den Argumenten der Gegner vertrauen, verspricht man durch ein spektakuläres Argument dieses zu entkräften.

Für bestimmte Redegattungen wie etwa die Buchvorrede haben sich feste exordiale Topoi herausgebildet, die etwa die Verkleinerung der eigenen Leistung, die Rechtfertigung des Schreibens oder die Bitte um günstige Aufnahme vor-sehen.

Es kann aber auch genau das Gegenteil von all dem bezweckt/bewirkt werden: von den unangenehmen Redegegenständen kann abgelenkt werden, die wichtigen Sachpunkte können unerwähnt bleiben und das Publikum kann gegen den Redner aufgebracht werden.

 

Das exordium soll möglichst knapp gefaßt werden, da sich der Redner durch Kürze empfiehlt. Ist eine längere Abhandlung notwendig, so sollte der Redner die Zuhörer allerdings gleich zu Beginn darauf vorbereiten und sich während der Rede um Auflockerung bemühen.

Das exordium bildet bei der Ausfertigung der Rede den letzten Teil, denn nur wer seine Rede bereits kennt, kann die Einleitung auf das notwendige verkürzen und die wichtigen Punkte benennen

 

2. propositio

... eine Hinführung zum Redegegenstand und eine genaue Vorstellung des Themas. Diese propositio zählt zu den wichtigsten rhetorischen Abschnitten überhaupt und stellt besondere Anforderungen an den guten Redner, denn hier wird das Publikum auf die Rede vorbereitet.

Hier ist es notwendig, ganz exakt den Redegegenstand (sujectum) zu benennen und die Aspekte (praedicatis) anzugeben, unter welchen er untersucht werden soll.

Wenn das Thema in dieser Weise angekündigt ist, gilt es in der propositio ferner, das Interesse des Publikums auf die nachfolgenden Ausführungen zu richten.

Die Abgrenzung der Funktionen von exordium und propositio ist in der Theorie einfach: Das exordium dient der Herstellung der Redesituation selbst. Das Publikum der Rede kann begrüßt werden, die Räumlichkeit und der Anlaß können vorgestellt werden.

Die propositio dagegen bringt die inhaltlich-thematische Einführug in Redegegensrtand und die Argumentation des Redners.

 

3. tractatio

In der tractatio besteht für den Redner die grösste Freiheit, denn was von einem Thema zu sagen ist und wie das Thema vorgestellt werden soll, richtet sich immer nach dem Redegegenstand selbst und nach dem Ziel der Rede.

Eine mögliche Form ist die Dreiteilung in ...

...narratio,

...confirmatio

...und confutatio.

Nach einer Erzählung des Falles oder einer historischen Begebenheit folgte dann die Argumentation im Sinne des Redners und schliesslich die Widerlegung der Gegenargumente.

Die narratio ist aber nur auf historische Ereignisse (wie juristische Fallschilderungen) anwendbar. Für andere Reden ist sie weder notwendig noch immer geeignet. Auch eine Widerlegung der Gegenargumente kann entfallen, wenn man sich im genus demonstrativum darüber einig ist, wie der Gegenstand zu beurteilen ist.

 

Eine andere Möglichkeit wäre die Folge von ...

...confirmatio

...und applicatio,

/(also die theoretische Darlegung eines Gegenstandes und die anschließende Anwendung auf einen konkreten Fall oder die Demonstration der praktischen Relevanz des Dargestellten.

 

//Argumente: die Beweisarten

Zunächst gibt es Erklärungen und Geständnisse, die nicht der Redekunst entstammen (probationes inartificiales).

Dann aber sind die Argumente wichtig, die allein aus der Redekunst stammen (probationes artificales). Hierunter fallen Indizien (signa), eigentliche Beweise (argumenta) und Beispiele (exempla) sowie besonders in der antiken Rhetorik allgemeingültige Sätze (sententiae).

Unter die probationes artificalies zählt auch der eigentliche Beweis: das Argument, eine 'rationale Schlußfolgerung'. Eine unwidersprochene Wahrheit wird auf etwas Zweifelhaftes bezogen, um daraus die Richtigkeit zu beweisen: Der Kaiser ist ein Mensch. Alle Menschen sind sterblich. Der Kaiser ist sterblich. Allerdings gibt es verschiedene Formen der Beweisschlüsse (conclusiones).

enthymema, ratioconatio

Das Enthymem beruht auf der Ableitung eines Einzelfalls von einer allgemein akzeptierten Aussage: Die Münchener Philharmoniker beschäftigen nur gute Musiker. M. ist bei den Münchener Philharmonikern, also ist er ein guter Musiker. Diese Argumentation kann durch Beglaubigungen erweitert werden.


4. conclusio oder peroratio

Im Schlußteil der Rede kann das Gesagte nochmals kurz zusammengefaßt werden (Aufzählung, enumeratio).

Der Redner sollte zudem die Bewertung des Vorgetragenen den eigenen Interessen entsprechend nochmals betonen: entweder dadurch, daß er seine besondere Bedeutung hervorhebt, oder daß er auf die Nichtigkeit hinweist.

Letztlich muß das Redeziel hier durchgesetzt werden: Entweder soll der Zuhörer etwas erfahren haben, an etwas erinnert werden oder zu einer Handlung aufgefordert werden. Besonders ein affektivischer Schluß ist dazu geeignet. Der Redner benutzt etwa treffende Sentenzen, um das Gesagte zuzuspitzen und dadurch die Gefühlswirkung seiner Rede zu steigern (Affekterregung: pathos oder ethos).

Im Schlussteil der Rede sichert der Redner nochmals den Zweck seiner Rede. Hierzu kann entweder ein besonders gewichtiger Gesichtspunkt, auch ein neuer Gedanke als Ziel der tractatio ‘aufgespart’ werden oder es werden die wichtigsten Punkte nochmals knapp benannt.

Vor allem aber wird etwas vom Publikum eingefordert: Sie sollen etwas gelernt haben, an etwas erinnert worden sein oder zu einer Handlung aufgefordert werden. Hier darf der Redner auch nach einer nüchternen, sachlichen Rede, stärker affektische Register ziehen.

Für den Redeschluß gilt wie für die Einleitung, daß ein enger Zusammenhang zwischen Rede und Schluß bestehen muß und es zu den Tugenden des Redners gehört, sich dabei knapp zu fassen.