netzhaut-reflexe   /  intelli-bits


 

 

KOMMUNIKATIONSBEISPIELE aus der Literatur

 

polgar  /  liebe im herbst

 

 

 

Über den Hügel, auf dem die Bank steht, hinter der der Baum steht, saust, obgleich es November ist, der Dezemberwind.  Er nimmt dem Baum die letzten Blätter, wie der Gerichtsvollzieher einem armen Mann den letzten Rock pfändet.  Bald hat er, der Baum, nichts mehr, seine Blöße zu verhüllen.  Rings um ihn ist alles grau und hart, das Farbige fortgeschafft.  Zerrissesens Laub – und Nadelzeug deckt den Boden, wertlose Relikte der Natur, die von hier ausgezogen ist zum Herbsttermin. 

Auf der Bank sitzt ein Mann.  Wind und Traurigkeit durchfrieren sein Herz und seine Knochen.  Vor zwei Stunden hat er den Brief empfangen, in dem die Geliebte ihren Entschluß, das nicht sein zu wollen, bekennt und besiegelt.  Und deshalb ist er hierher gekommen auf den Hügel, wo der Baum steht, den der Wind schüttelt und zurichtet wie die Liebe den beklagenswerten Mann auf der Bank unter dem Baum.

Da unten liegt die Stadt, in der sie lebt.  Es gibt neben der einen Frau noch ein paar Millionen Einwohner in ihr.  Aber was sind sie dem Mann?  Statisterie, den Hintergrund zu füllen.

Da unten liegt die Stadt, festgenagelt durch die Schwerkraft, daß sie nicht herunterfalle, mit Geschäften, Theatern, Schlachthäusern, Zeitungen, Kinos, Strafanstalten und jeglichem anderen Kulturzubehör.  Doch dies alles scheint dem Traurigen nur gemalte Kulisse, herumgestellt um das eine wirkliche Haus.

Da unten liegt die Stadt, rauchgrau umhüllt von der Wolke der Tätigkeiten.  Myriadenfädig schlottert das Netz, das die Hirne ihrer Bewohner spinnen.  Darüber schwingen die ewigen Sterne und über ihnen das Anonyme, dem Namen zu geben die Menschen vielfach bemüht sind.

Eine große Stadt.  Ihr Puls geht mit Millionen Pferdekräften, erschütternd Straßen und Häuser.  In diesen allen wird unermüdlich geliebt und gestorben.  Daran muß man denken, wenn die Versuchung groß wird, eigenes Leben und Sterben wichtig zu nehmen.  Und indem der Mann so die gewaltige, in viele Blöcke zerschnittene Häusermasse mit dem Blick umgreift, ist´s ihm wirklich, als verschwände in dem steinernen Gedränge das eine Haus, das sein Elend hütet.  Er hat eine Vision von der Vielfalt der menschlichen Komödie, die da auf hunderttausend Bühnen vor sich geht, und es scheint ihm, daß die Szene, in der sein Herz eine so schwere, undankbare Rolle spielt, doch vielleicht zu streichen wäre.  Oh, Städte mit ein paar Millionen Einwohnern sind Balsam für Liebesschmerz!  Und bedenkt man noch, daß es solcher Städte viele gibt, und zwischen ihnen sonst auch mancherlei, daß die Welt drei unendliche Dimensionen hat und durch den Geist eine vierte, so wird es vollkommen sinnlos, wegen einer einzigen Frau, die nicht will, mit dem ganzen Leben Schluß zu machen.

 

Ein Hauch Oktobersonne streift den Beruhigten, obgleich es November ist.  Über den Hügel bläst ein guter reiner Wind, säubert den Baum von üblichen Blätterresten, macht ihn zurecht für Winterruhe und neuen Frühling.

Leicht steigt der Mann den Weg hinab, abendbrotwärts.

Aber mit jedem Schritt, den er tiefer steigt, schrumpft in seinem Gefühl die Vielzahl der Städte zur einzigen Stadt zusammen, die Stadt zur einzigen Straße, die Straße zum einzigen Haus, über dem, nur über dem, die ewigen Sterne schwingen.  Dort atmet seine Not, speist jetzt zu Abend, wahrscheinlich ein weiches Ei mit grünem Salat ohne Ol (wegen der lästigen Kalorien), und in ihrer kleinen Hand ruht die große Welt, die ihn tröstete, wie ein Papierkügelchen, das sie mit einer Bewegung der Finger  - so! -  wegschnipsen kann.