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Marie Luise Laschnitz 

(1901-1974)

 

/  Hobbyraum  (60er/70er Jahre)

 

Meine Söhne, sagt Herr Fahrenkamp, sind wortkarg genug.  Ich frage sie dieses und jenes, ich bin kein Unmensch, es interessiert mich, was die Jugend denkt, schließlich war man selbst einmal jung.  Wie soll  nach eurer Ansicht die Zukunft aussehen, frage ich und bekomme keine Antwort, entweder meine Söhne wissen es selber nicht, oder sie wollen sich  nicht festlegen, es soll alles im Fluß bleiben, ein Fluß ohne Ufer sozusagen, mir geht das auf die Nerven, offen gesagt.  Darüber, was es nicht mehr geben soll, den Lehrer, den Richter, den Unternehmer, die Leute, die unseren Staat aufgebaut haben, in größtenteils demokratischer Gesinnung, aus dem Nichts, wie man wohl behaupten kann, und das ist jetzt der Dank.  Schön und gut, sagen meine Söhne, aber ihr habt etwas versäumt, und ich frage, was wir versäumt haben, die Arbeiter sind zufrieden, alle Leute hier sind satt und zufrieden und was gehen uns die Einwohner von Bolivien an.  Ihr habt etwas versäumt, sagen meine Söhne und gehen hinunter in den Hobbyraum, den ich ihnen vor kurzem habe einrichten lassen.  Was sie dort treiben, weiß ich nicht.  Meine Frau meint, daß sie mit Bastelarbeiten für Weihnachten beschäftigt sind..

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.© gabriele weis

Hinführung  -  Einstieg:

Möglichkeit a):

In einer Gesellschaft, die stolz ist auf den Zugewinn an Freiheit, den ihr die industriellen Lebensverhältnisse im Verlauf des 20. Jhds. verschafft haben, ist es nicht verwunderlich, wenn es Autoren gibt, die den einen oder anderen Aspekt der mittlerweile sehr vielfältig gewordenen Freizeitgewohnheiten in unserer Gesellschaft aufgreifen.

Die hier zur näheren Interpretation vorgelegte Kurzgeschichte von Marie Luise Kaschnitz aus den 70er Jahren des 20. Jahrhunderts scheint jenen Teil der Freileitgewohnheiten ihrer Zeitgenossen näher unter die Lupe zu nehmen, der im häuslichen Bereich angesiedelt ist: "Hobbyraum" lautet ihr Titellakonisch ( =wortkarg, beiläufig).

Was der am Erzählgeschehen selbst offenbar nur als hörender Gesprächspartner beteiligte Erzähler dann jedoch im einzelnen zur Darstellung bringt, dreht sich nur ganz am Rande um das Thema 'Freizeit' bzw. 'häusliche Hobbyraum-Freuden oder -leiden'.

 Möglichkeit b):

Wenn aus Kindern Jugendliche und junge Erwachsene werden, verändert sich unter anderem das Verhältnis, das sie in jungen Jahren zu ihren Eltern gehabt haben, manchmal radikal. Schleichend oder plötzlich finden Jugendliche und Eltern bzw. Eltern und Jugendliche nur noch einen begrenzten oder scheinbar auch gar keinen Draht mehr zueinander. Die Horizonte haben sich auseinander entwickelt. Und das hat Auswirkungen auf ihr wechselseitiges Verhalten. Je nach en Zeitumständen, in denen die an solchen Entfremdungserfahrungen Beteiligten leben, sind es andere Fragen und Standpunkte, über die eine Verständigung nicht mehr (so recht) gelingen will.

Die hier zur näheren Interpretation vorgelegte Kurzgeschichte von Marie Luise Kaschnitz nimmt deutlichen Bezug auf solche Zeitaspekte: der lakonische Titel "Hobbyraum" beispielsweise greift den ganzen Stolz jedes Häuslebauers der 60er/70er Jahre auf - als Väter ihre Kinder auf bis dahin neue Weise am eben erst erarbeiteten Wohlstand der Familie teilnehmen zu lassen begannen.

Im einzelnen findet sich im genannten Zusammenhang das Folgende erzählt:

Möglichkeit c):

Begegnungen verlaufen nicht selten reichlich monologisch. Denn entweder hat, wer sich äußert, nicht unbedingt ein Interesse an irgendeiner Gegenrede seines Gegenübers. Oder aber, ein gerade aktueller Gesprächspartner kann oder will mit den Äußerungen seines Gegenübers so wenig anfangen, daß er irgendeine Form der Gegenrede am besten vermeidet.

Das in der hier zur näheren Interpretation vorgelegten Kurzgeschichte vor den Leser hingestellte Erzählgeschehen besteht aus einer solchen monologischen Begegnung:

 

 

Möglichkeit ...

 

TEXTVORSTELLUNG:

zu Möglichkeit a):  zu b)+c) entsprechend minimal variierte Einstiegsformulierung:

Denn das gesamte Erzählgeschehen besteht ausschließlich aus einer wasserfallartig monologisch dem Erzähler-Gegenüber aufgedrängten Äußerung eines Vaters namens Fahrenkamp. Dieser tut wortreich kund, was ihn an seinen Söhnen stört, denen er kürzlich erst einen Hobbyraum eingerichtet habe: ihre Wortkargheit nämlich (Z.1), ihr Interesse an Veränderung („es soll alles im Fluß bleiben" (Z.4f)), ihre kritische Haltung gegenüber dem, was die Erwachsenengeneration geschaffen habe, ihr verschlossenes Rückzugsverhalten („und gehen hinunter in den Hobbyraum... .Was sie dort treiben, weiß ich nicht“(Z.12f)).

 

INTERPRETATIONSTHESE:

In seinem erzählerseits völlig unkommentiert gelassenen Auftreten wird hier ein in mehrfacher Hinsicht sehr zeittypischer Vater von der Autorin einer rundum kritischen Betrachtung durch den Leser überantwortet, salopper ausgedrückt regelrecht zum Fraß vorgeworfen. Denn Herrn Fahrenkamps Verhalten provoziert rundum das, was er hier so wortreich beklagt.

Der Text setzt also auf die Kritikfähigkeit und auf die Kritikbereitschaft seiner Leser. Er hält einfach einen Spiegel hin, in dem für jeden die Konturen eines weitverbreiteten Verhaltens überdeutlich sichtbar werden: Unabhängig davon, welche gesellschaftliche Rolle er selbst in den Generationskonflikten seines Lebens einnimmt, kann derjenige, der diesen Text aufmerksam liest, sein Auge dafür schärfen, welche Verhaltensweisen im Umgang miteinander ein Stück Sprachlosigkeit erzeugen können, gerade weil sie in bestimmter Weise wortreich daherkommen.

 

ANALYSE + DEUTUNG:

Analyse-Argument 1 :

Dass und wie sehr Herr Fahrenkamp selbst es ist, der die vom ihm beklagte Sprachlosigkeit seiner Söhne ihm gegenüber provoziert, wird schon in seinem ersten Satz deutlich: „Meine Söhne (...) sind wortkarg genug.“ (Z.1 )

Herr Fahrenkamp trägt also ein festes Bild von deren Eigenschaften mit sich herum. Mit diesem eröffnet er seinem (überdies in nichts gefragten) Zuhörer gegenüber seine Auslassungen. Für die Wurzeln der von ihm beklagten Wortkargheit interessiert er sich nicht.

Kein Wunder, dass die Söhne keine Lust haben, besonders ausgiebig mit ihm zu reden.

 Analyse-Arqument 2:

Auch von sich selbst hat Herr Fahrenkamp feste Vorstellungen, mit denen er seinem Gegenüber ebenso unvermittelt kommt wie mit der Grundeinschätzung, die er von seinen Söhnen hat. Und leider sind diese noch weniger kommunikationsförderlich als das Etikett, mit dem er seine Söhne belegt. Er sei ein Fragender, also ein Interessierter, "kein Unmensch" (Z. 1 f). wie er ausdrücklich betonen zu müssen glaubt.

Nur: Was hat es mit seinem Fragen, seinem Sich-Interessieren auf sich? Es scheint völlig beliebig zu bleiben: "dieses und jenes"(Z...). Und vor allem, es ist offenbar von vorne herein völlig unpersönlich: „es interessiert mich, was die Jugend denkt“ (Z...) Wer mit anderen als mit Repräsentanten einer bestimmten Menschengruppe reden will, wird es nie zu einem persönlichen Gespräch bringen. Hinzu kommt das Motiv, das Herr Fahrenkamp nennt: „schließlich war man selbst einmal jung"(Z....). Wer aus einer Anbiederungshaltung heraus das Gespräch mit anderen sucht, wird nicht weit kommen,

denn er versteckt sich, statt sich zu öffnen.

Von alledem aus entpuppt sich Herrn Fahrenkamps vollmundige Selbsteinschätzung: "ich bin kein Unmensch"(Z....) als nicht ganz unbegründet - nur in anderer Weise, als von ihm selbst gemeint. Er hat ganz zurecht ein ungutes Gefühl seinem eigenen Verhalten gegenüber, sonst würde er ohne unmittelbaren Anlass nicht so ausdrücklich darauf verweisen müssen, dass zwischen Ihm und seinen Söhnen Ettikettierungen im Spiel sind (dieses Mal betreffen sie freilich ihn selbst) mit denen er seine Schwierigkeiten hat. Aber: er wischt dieses ungute Gefühl einfach beiseite, statt sich mit ihm auseinander zu setzen. Wer sich so verhält, wird es nie dahin bringen, seinen Anteil an einmal entstandenen Kommunikationshindernissen in den Blick zu bekommen, um sie anschließend vielleicht ein Stück weit abbauen zu können.

Analyse-Arqument 3:

Wenn Herr Fahrenkamp auch auf seine Frage nach den persönlichen wie politischen Zielsetzungen seiner Söhne hin beklagt, sie ließen ihn ohne Antwort (Z....), wird erst recht deutlich, dass er es ist, der die Gesprächssituation jeweils regelrecht vertrocknen lässt.

Denn kaum hat er seine Klage geäußert, ergeht er sich in Phantasien darüber, warum ihn seine Söhne denn wohl ohne Antwort lassen. Es gibt aber keine Phantasien ohne Anhaltspunkte. Entweder sind dies die Bilder, die sich Herr Fahrenkamp von der Jugend allgemein macht. Oder aber seine Söhne haben sich entgegen Herrn Fahrenkamps Wahrnehmung/Eindruck doch geäußert - ihm also selbst die entscheidenden Anhaltspunkte für seine Überlegungen geliefert: Er unterstellt ihnen ja die Vorstellung, es solle "alles im Fluss bleiben" (Z....).

Was also hat sich anlässlich seiner Frage nach den Zukunftsvorstellungen wirklich zwischen ihm und seinen Söhnen abgespielt?

Er und seine Söhne haben nicht die gleichen Auffassungen - offenbar besonders da, wo es um politische Positionen und Horizonte geht (Zukunftsvorstellungen allgemein (Z....; innenpolitische Abschaffungsideen (Z....); Versäumnisse (Z....) ). Mehr noch: der Vater bleibt den Äußerungen seiner Söhne gegenüber entschieden verständnislos und verhält sich ganz offenbar vorwurfsvoll-ablehnend, wie er ja ausdrücklich berichtet ("ein Fluß ohne Ufer sozusagen, das geht mir auf die Nerven"(Z....); "nicht mehr geben soll (es) ...die Leute, die unseren Staat aufgebaut haben, ..., das ist jetzt der Dank" (Z....).

Herr Fahrenkamp weiß also offenbar eine ganze Menge darüber, was seine Söhne zu verschiedenen Fragen denken. Seine Söhne sind gar nicht so wortkarg, wie er immer wieder behauptet. Ihr Bedürfnis und ihre Bereitschaft, sich mit dem Vater über das auszutauschen, was in ihnen vorgeht bzw. was sie beschäftigt, hält sich nur infolge des väterlichen Verhaltens in engen Grenzen: vorwurfsvolle Ablehnung bei aufrechterhaltenem Nicht-Verstehen macht nun einmal nur begrenzt gesprächig.

Analyse-Arqument 4:

Herr Fahrenkamp schließt seine Klagerede mit einer Auskunft darüber, was ihm offenbar noch mehr zu schaffen macht als die von ihm so erlebte Wortkargheit seiner Söhne: Sie verweigerten sich nicht allein seinen Fragen durch Wortlosigkeit. Sie zögen sich auch einfach zurück.  Wohin? Trotz aller Kritik an der Aufbaugeneration der Nachkriegszelt, die dem Vater so undankbar erscheint (so darf

man aus den knappen diesbezüglichen Worten des Vaters vielleicht herauslesen), ausgerechnet in jenen Raum, der für Herrn Fahrenkamp gewiss so etwas wie ein Synonym für die Leistungen seiner Generation ist!

Das sei nicht nur unhöflich und undankbar, es sei vor allem auch inkonsequent - und besonders in dieser Inkonsequenz schäbig. Herr Fahrenkamp hält diese letzte Wertung für so offensichtlich, daß er sie nicht einmal ausspricht: Die Leistung (Kein-Unmensch-Sein; Hobbyraum) ist auf seiner Seite, das Fehlverhalten (Wortlosigkeit, Undankbarkeit, Inkonsequentes Sich-Abwenden) auf Seiten seiner Söhne.

Solche Situationen gibt es tatsächlich: Leistung trifft nicht überall auf Gegenleistung. Das schafft Spannungen, für die die nicht-leistende Seite verantwortlicher ist als die leistende - wenn auch nie ausschließlich.  Nur: Im Falle Herrn Fahrenkamps ist die Leistungsbilanz, die er in seinem Monolog für sich aufmacht, bei genauerem Hinsehen keineswegs ausschließlich so positiv, wie er das für sich wähnt:

Seine in seinen Augen höchst stichhaltigen Gegenargumente gegen die Kritik der Söhne an den Leistungen seiner Generation sind im entscheidenden Punkt nicht stichhaltig. Denn mit dem Versäumnisvorwurf der Söhne setzen sie sich nicht auseinander - das den Söhnen hier Wichtige (die Einwohner von Bolivien) gehe ihn nun einmal nichts an, zu dieser Argumentation steht Herr Fahrenkamp auch in seinem Monolog ohne alle Skrupel (Selbstzweifel).

Wer sich verschließt, statt sich einer fällig gewordenen Auseinandersetzung zu stellen, braucht sich jedoch nicht zu wundern, dass ein anderer einem nichts mehr zu sagen hat und sich vorzugsweise zurückzieht.

Die Söhne mögen ihrerseits sich nur wenig Mühe geben, ihrem Vater auch wirklich zu vermitteln, worum es ihnen geht. Darüber gibt der Text dieser Kurzgeschichte von Marie Luise Kaschnitz keine greifbare Auskunft.

Mit der Mühe des Vaters, sich für seine Söhne zu interessieren und sich ihnen wirklich zu stellen, klemmt es dagegen überdeutlich. Den größten Anteil an dem, worüber Herr Fahrenkamp in seinem Monolog klagt, hat er also auch aus den letztgenannten Überlegungen heraus selbst.

Analyse-Argument 5:

Und so verhält sich Herr Fahrenkamp nicht nur den Äußerungen seiner Söhne gegenüber ignorant (nicht wissen wollend), sondern auch deren Beschäftigungen gegenüber: "Ihr habt etwas versäumt, sagen meine Söhne und gehen hinunter in den Hobbyraum, den ich ihnen vor kurzem habe einrichten lassen. Was sie dort treiben, weiß ich nicht.“(Z....)

Davon, dass er etwas unternommen hätte oder unternehmen wollte, um gerade auch diesbezüglich seine Söhne besser kennenzulernen, berichtet er nichts. Er belässt es beim Nichtwissen. Und beim Nicht-wirklich-Stellung-Nehmen zum Beispiel auch gegenüber den tatsächlich oder auch ganz bewusst beschwichtigend naiven Vermutungen seiner Frau, "dass sie mit Bastelarbeiten für Weihachten beschäftigt" (Z....) seien.

Angesichts der radikal-kritischen politischen Denkansätze seiner Söhne mag er beunruhigt darüber sein, dass die Jungen seinen Hobbvraum nicht für private, sondern eher für politische Basteleien (wie Plakatmalerein, Flugblätterdruck oder gar farb- und Molotow-Cocktail-Herstellung) missbrauchen könnten. Aber wohlweislich äußert er eine solche Besorgnis nicht. Denn dann müsste er sich ja vielleicht nicht allein einmischen, sondern endlich wirklich einlassen. Und eben dazu scheint er nicht der Mensch zu sein.

 

Folglich gerät ihm sein Monolog an den ihm weiter in keiner Hinsicht interessanten Erzähler auch nicht zu einem Instrument der Selbsterkenntnis.

Herr Fahrenkamp tut hier ganz im Gegenteil nichts, als sich einzureden, dass er an dem, was da zwischen ihm und seinen Söhnen schief läuft, in überhaupt keiner Hinsicht seinen Anteil habe. Er ist an nichts außer sich interessiert. Sein Selbstbild und seine Schmerzen stehen gänzlich im Vordergrund,

und für seinen Gesprächspartner hat er kein Wort.

 

WERTUNG + SCHLUSS:

Es gibt vermutlich nur wenige Leser, die sich in Spannungssituationen mit diesem oder jenem ihrer Mitmenschen nicht schon ähnlich aufgeführt hätten, wie die hier von Marie Luise Kaschnitz erfundene Erzählfigur Fahrenkamp.

Die Kaschnitz liefert hier also ein Stück Spiegel, in dem sich jeder miterkennen mag, der die Bereitschaft mitbringt, sein eigenes Verhalten von Zeit zu Zeit auch unter die selbstkritische Lupe zu nehmen. Eine solche Lupe allein für die lieben Mitmenschen bereitzuhalten: das wäre ja gerade Herrn Fahrenkamps Position und Verfahrensweise. Wer zuende denkt, was die Autorin hier vorführt, der kann sich nicht bequem zurücklehnen nach dem Motto: ein Unmensch wie dieser Herr Fahrenkamp, das bin ich jedenfalls nicht. Denn mit dieser Reaktion handelte er keinen Deut anders als dieser.

Gerade infolge der Kommentarlosigkeit, in der die Autorin das hier Erzählte belässt, werden Blickschärfungen auf Leserseite möglich, ja herausgefordert, die sich angesichts vom Erzähler mitgelieferter Deutungen und Wertungen vielleicht nicht so unmittelbar und auch nicht so bohrend einstellen würden.