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MARTIN WALSER   

(* 1927)

 

  /   kampf mit einem unterlegenen, der nichts hört

 

Komm, Mensch, geh weg.

 

Hörst du schlecht.  Ich glaube wirklich, du bist taub.  Idiot.  Siehst du, jetzt blutest du.  Ich hab dir's ja gleich gesagt, geh weg.  Aber du wolltest ja nicht hören.  Sowas dummes.  Du kriegst gleich nochmal eine wenn du jetzt nicht abhaust.  Wo kommen wir denn da hin.  Läuft mir einfach übern Weg.

 

Ich sag dir jetzt zum letzten Mal, du sollst dich verziehen.

Los, verduften, hab ich gesagt.

Hat man denn sowas schon gesehen.  Du hast sie wohl nicht alle, was.  Sowas von Schwerhörigkeit ist mir  noch nicht vorgekommen.  Du glaubst wohl,  mit mir kannst du das machen.  Da hast du dich aber ganz schön getäuscht.  Ich habe dich gewarnt.  Also, entweder oder.

 

Bitte, wie du willst.  Ich bin auch bloß ein Mensch.  Alles hat seine Grenzen.  Wer nicht hören will, muß fühlen.  Aha jetzt siehst du ich hab's dir doch gleich gesagt aber du wolltest ja nicht hören.  Du mußtest halt deinen Dickkopf durchsetzen Jetzt hast du's.  Mit Vemunft ist bei dir offenbar nichts auszurichten  Du hast es dir selbst zuzuschreiben.  Ich kann nicht mehr tun, als dich warnen.  Wenn du nicht hören willst.  Wenn es im Guten nicht geht, bitte.

 

Jetzt schau sich einer den an.  Wie ersetzt tut.  Als wäre ihm weiß Gott was für ein Unrecht geschehen.  Was bleibt mir denn anderes übrig, Mensch.  Du willst es doch gar nicht anders.  Dir kann man doch sagen, was man will.  Da predigt man tauben Ohren.  Jetzt haben wir den Salat.

 

Hab ich dir das nicht gleich gesagt.  Ich wußte, daß es so kommen wurde.  Das mußte ja so kommen.  Das kommt davon.  Du zwingst mich ja dazu.  Glaubst du  vielleicht,  mir macht das Spaß.  Jetzt kann ich dir auch nicht mehr helfen.  Sowas von eigensinnig.  Sowas ist mir noch nicht gleich begegnet.  Jetzt will er's natürlich nicht gewesen sein.  Ich habe ihn gewarnt alles hat seine Grenzen.  Ich habe ihn auf die Folgen hingewiesen.  Aber er wollte ia nicht hören.  Er wußte es ja besser.  Er mußte partout seinen Dickkopf durchsetzen.  Jetzt hat er's.  Mit Vemunft ist bei dem offenbar nichts auszurichten.  Ich konnte nicht mehr, als ihn warnen.  Wenn er  nicht hören will.  Jetzt sehen Sie sich ihn an.  So sieht er jetzt aus.  Wie ein Häufchen Elend.  Das hat er jetzt davon.  Da  predigt  man tauben Ohren.

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.© gabriele weis

 

Hinführung  -  Einstieg:

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TEXTVORSTELLUNG:

Erzählt wird ohne jeden Erzählerkommentar  - mit Ausnahme der Überschrift -  der verbale Teil eines Kampfes, zu dem sich ein offenbar körperlich Starker, über dessen Identität der Leser weiter nichts erfährt, herausgefordert fühlt dadurch, daß ihm ein anderer über den Weg läuft:  „Komm, Mensch, geh weg“ (Z.1) – so beginnt das einseitig aktive Kampfgeschehen.  Ein Schwall von Drohungen und Rechtfertigungen begleitet die Schläge, die der Angreifer ziemlich unvermittelt auf seinen weder seiner Aufforderung nachkommenden noch sich verteidigenden Gegner niederprasseln läßt, bis dieser nichts ist als „ein Häufchen Elend“ (Z.34). 

 

INTERPRETATIONSTHESE:

Der Monolog, der dem Leser auf diese Weise vor Augen geführt wird, wirkt wie der zischende Dampf aus einem geöffneten Ventil.  Dagegen steht die stille Auflehnung des Schwächeren, die den Angreifer freilich noch wütender macht, aus der der Angreifer aber auch ein Stück weit beziehen kann, was er dem anderen vorzuwerfen sucht.

Dem einen  wie dem anderen geht es um pure Selbstbehauptung.  Der körperlich Stärkere von beiden verbindet sie mit einer im Grunde lächerlichen Autoritätsanmaßung gegenüber jedem, der ihm „übern Weg“ läuft.  Der körperlich Schwächere damit, daß er solche Anmaßungen nicht akzeptiert, ihnen nicht Folge leistet, und koste es ihn Gesundheit oder gar Leben.

Den in solchen leeren Selbstbehauptungsspielen ablaufenden Mechanismen gilt das Augenmerk des Autors in dieser Kurzgeschichte.

ANALYSE + DEUTUNG:

Ausgangspunkt des gesamten hier wiedergegebenen Konfliktes ist offenbar eine Territoriumsverletzung.  Ein anderer soll verschwinden : „geh weg.“ (Z.1).  „Läuft mir einfach übern Weg.“ (Z.5) lautet die dünne Erklärung und der kaum nachvollziehbare Vorwurf.  Erst eine absurde Aufforderung macht ihn überdies möglich: „Komm, Mensch, geh weg.“ (Z.1)  Durch sie wirkt der Streit regelrecht gesucht:  da wird einer gerufen, um weggeschickt und so der Autorität eines anderen unterworfen werden zu können! 

Diese wird mit absoluter Fraglosigkeit geltend gemacht :  „Hörst du schlecht.“ (Z.2); „Ich sag dir jetzt zum letzten Mal...“ (Z.9);  „...hab ich gesagt“ (Z.11).    Und sie wird durch Schläge und die Drohung mit ihrer Wiederholung unterstrichen: „Du kriegst gleich nochmal eine...“ (Z.3).  Gerade das aber macht sie nur um so fragwürdiger. 

Folglich jagt eine Schuldzuweisung die nächste: „Siehst du, jetzt blutest du.“ (Z.2);  „Wer nicht hören will, muß fühlen.“ (Z.11); „Also, entweder oder.“ (Z.15); „Was bleibt mir denn anderes übrig, Mensch.  Du willst es doch gar nicht anders.“ (Z.24f). 

Schuld an seinen eigenen Schmerzen wie daran, daß der Angreifer zuschlagen ´muß´, sei allein die Begriffsstutzigkeit dessen, der den wiederholten Aufforderungen, das Feld zu räumen, einfach nicht nachkommt:  „Idiot.“ (Z.2);  „Sowas dummes.“ (Z.3); „Du hast sie wohl nicht alle, was.“ (Z.12);  „Du mußtest halt deinen Dickkopf durchsetzen.“ (Z.19);  „Mit Vernunft ist bei dir offenbar nichts auszurichten.“ (Z.20); „Da predigt man tauben Ohren.“ (Z.25+35).

Die eigene Rolle bedarf ebenso konsequent ständiger Beleuchtung und Rechtfertigung:  „Ich hab dir´s ja gleich gesagt...“ (Z.2); „Ich habe dich gewarnt.“ (Z.15);  „Ich bin auch bloß ein Mensch.  Alles hat seine Grenzen.“ (Z.16);  „Ich kann nicht mehr tun, als dich warnen“ (Z.20); „Wenn es im Guten nicht geht, bitte.“ (z.21);  „Was bleibt mir denn anderes übrig, Mensch.“ (Z.24);  „Das kommt davon:  Du zwingst mich ja dazu. Glaubst du vielleicht, mir macht das Spaß. Jetzt kann ich dir auch nicht mehr helfen.“ (Z.27);  „Da predigt man...“ (Z. 25+35).

  

 Seine Schläge, soviel weiß der Angreifer offenbar, sind eine Verletzung nicht allein der Sphäre, sondern gleich der körperlichen Unversehrtheit des anderen:  „Wie er jetzt tut.  Als wäre ihm Gott weiß was für ein Unrecht geschehen.“ (Z.22).

Da aber nicht der andere, sondern er selbst hauptsächlich für die Situation verantwortlich ist  - denn nicht der andere wollte etwas von ihm, sondern ausdrücklich er etwas vom anderen -  muß er für sich selbst wie nach außen klarlegen, daß er ein Recht habe, jeden zu mißhandeln, der seinen Willensäußerungen nicht nachkommt:  Seine Sphäre legt er selbst fest.  Und er bestimmt, wann und durch wen sie verletzt ist.  Wo sein Gegenüber das nicht nachvollziehen kann und seiner Forderung, einfach nur zu verschwinden, deshalb nicht nachkommt, ist jeder Zwang erlaubt.  Denn da geschieht für die Begriffe dessen, der hier ununterbrochen redet und schlägt und redet und schlägt, im mehrfachen Wortsinn ´Unerhörtes´:  „Wo kommen wir denn da hin.“ (Z.5);  „Hat man denn sowas schon gesehen.“ (Z.12);  „Sowas von Schwerhörigkeit ist mir noch nicht vorgekommen.“ (Z.12).

´Unerhört´ zu bleiben, obwohl er wiederholt Gehör verlangt, darin liegt für ihn eine Mißachtung seiner Person, die er weder zulassen will noch kann:  „Du glaubst wohl, mit mir kannst du das machen.  Da hast du dich ganz schön getäuscht.“ (Z.14). 

 

 Das jedenfalls sucht er sich und seinem Opfer einzureden. 

Man erinnere sich jedoch:  nicht daß der andere der Aufforderung, zu verschwinden, nicht nachkam, war das Ausgangsproblem für den sich so rechtfertigenden Angreifer gewesen, sondern dessen bloßes Auftauchen!  Nicht einmal von einem Zusammenstoß war die Rede, sondern nur von einer schlichten Wegkreuzung. 

Kein Wunder also, daß der seine Schläge begleitende Wortschwall des Angreifers formelhaft ausfällt und sich bereits während der verabreichten Schlagserie in ständigen Wiederholungen erschöpft.  Sein Tun läßt sich nicht rechtfertigen.  Der behauptete Zusammenhang gewinnt auch, als das Opfer nurmehr ein „Häufchen Elend“ (Z.35) ist, durch ein nochmaliges Abspulen der wichtigsten ´Argumente´ keine Evidenz.  Im Gegenteil.

 

Gewiß, der zum Verschwinden Aufgeforderte hätte gleich anfangs oder zumindest nach den ersten Schlägen einfach tun können, was der Angreifer da von ihm verlangte.  Insofern hat er an Eskalation und Ergebnis des Konfliktes seinen Anteil.  Und dieser Umstand erleichtert die Heuchelei, derer sich der Angreifer bedient, um aus einer bloßen Begegnung einen blutigen Konflikt werden zu lassen:  „Jetzt kann ich dir auch nicht mehr helfen. Sowas von eigensinnig.“ (Z.27f); „So sieht er jetzt aus... .   Das hat er jetzt davon.“ (Z.35)  Aber mehr auch nicht.

Wer nämlich irgendwo erfährt, daß er von Fall zu Fall nicht auf Gehör oder gar Gehorsam trifft, kann mit einer solchen Erfahrung für sich selbst und andere nur dann überzeugend umgehen, wenn er sich daran macht, die Grenzen, auf die er da stößt, auch wirklich auszuloten.  Wo er sie einfach setzt wie der Angreifer hier, denkt und handelt er an dem, was ihn in der Situation X eigentlich bewegt, wie an dem, worin die Situation aus der Perspektive seines Gegenübers besteht,  vorbei.

Und auszuloten wäre hier Vieles gewesen: zuallererst einmal die Wurzel jenes eigenartigen Sich-Gestört-Fühlens durch das Auftauchen eines Fremden;  dann dessen nicht minder eigenartige Reaktion:  daß er vertrieben werden sollte, kann er nicht nicht verstanden haben, auch wenn er tatsächlich physisch taub gewesen sein sollte  -  warum also bleibt er, und dies in der Rolle eines Opfers ohne Gegenwehr und läßt aus sich ein blutiges Häufchen Elend machen?;   schließlich die Alternativen:  Warum gehe ich nicht, wo ich einen anderen nicht vertreiben kann?  Und:  Wäre nicht vielleicht Raum für beide?

Nichts von alldem versucht der Angreifer hier.  Er will ja auch nichts als den Angriff, nichts als das Erlebnis seiner Überlegenheit über einen x-beliebigen anderen, der ihm greifbar wird dadurch, daß er ihm über den Weg läuft, und der für ihn traktierbar wird dadurch, daß er sich nicht wehrt, aber auch nicht weicht, den Kampf entgegennimmt, ihm aber körperlich nicht gewachsen ist.

 

 WERTUNG + SCHLUSS:

Arm ist das, gewiß.

Aber man wird sie lange suchen müssen, die Spezies Mensch, die etwas von solchem Arm-Sein noch nie auf der eigenen Zunge geschmeckt und mit Formeln bemäntelt hat wie Walsers Erzählfigur hier.

Walser legt die Mechanismen solchen Arm-Seins bloß:  das Nicht-Ausloten der Motivlage und den billigen Ersatz durch Wohlfeileres in ebenso absurden wie verhängnisvollen Überlegenheitsspielen. 

Deren vielleicht traurigstes führt er vor  -  auf Seiten des Angreifers:  das um die blanke Augenblicksmacht, um das schäbige Gefühl, einen anderen wo nicht zwingen, so doch verletzten oder gar töten zu können.  Wozu?  Zu nichts als zu einem leeren ´ich bin stärker als ein anderer´.