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ROBERT WALSER 

(1978-1956)

 

/  EIN UNARTIGER BRIEF

 

Nun sei es in Ihrem Hause wieder still, schreiben Sie mir, verehrte Frau, gerade, als wenn es anders als still, als wenn es sehr laut zugegangen wäre, da ich mich für einige Stunden bei Ihnen aufhielt. Wir flüsterten doch ängstlich, vorsichtig und zaghaft genug miteinander, und worin bestand denn unsere Unterhaltung, wenn sie nicht hauptsächlich darin bestand, daß wir uns in einer langandauernden Verlegenheit, in einem Überrascht- und Erstauntsein anschauten? Ungefähr jede Minute fiel ein Wort, das vielleicht bloß eine gehauchte Silbe, ein kaum vernehmlicher Laut gewesen sein mochte. Erwarteten wir denn nicht jeden Moment das Auftreten, das urplötzlich sich geltend machende Erscheinen Ihres schätzenswerten Herrn Gemahls! Sprach ich in Ihrem Hause, im Zimmer, worin Sie mir das Vergnügen gewährten, Ihnen gegenüber zu sitzen und den Wohlgeruch Ihres Kleides einzuatmen, eigentlich anders als in einem fort um die Anmut, die Schätzenswürdigkeit Ihrer Ehre zitternd, an die ja auch Sie in einem fort dachten? Von Zeit zu Zeit fielen mir irgendwann und - wo gesehene Landschaften ins lebhaftest aufgestachelte Gedächtnis. Ich weiß nun natürlich nicht, wohin sich Ihre Gedanken verloren haben mochten; von den meinigen bin ich keinen Augenblick im Zweifel, wessen Sie sich in aller Lautlosigkeit und in aller Bangigkeit, die mich im tiefsten Inneren entzückte, erkühnten. Vielleicht ähnelte Ihr Denken in meinem Beisein einem um Hilfe rufenden klagenden Gejubel. Wie merkwürdig ich mich hier übrigens aus- drücke! Schon in Ihrem ersten, sehr liebenswürdigen Briefe nennen Sie mich auf eine mir nicht ohne weiteres verständliche Art und Weise Ihr Licht, eine Auffassung, womit Sie mir auch in Ihrem zweiten Schreiben geglaubt haben schmeicheln zu müssen. Darf im Ihnen bekennen, ich sei der Meinung, einer Dame stehe es nicht sonderlich wohl an, einem Vertreter des stärkeren Teiles der Menschheit allzu große Artigkeiten zu sagen, obwohl ich Sie ja im übrigen ganz gut begreife, denn ein Lob auszusprechen ist kürzer, bequemer und angenehmer, als einem Tadel oder irgendeiner Mißachtung Ausdruck zu verleihen, aber die  Kunst der Geselligkeit, gnädige Frau, besteht darin, daß man sich im schönen, Verbindungen herstellenden Bemühen geübt hat, weder Über- noch Unterschätzung merken zu lassen, was beides als Bräuche zu bezeichnen sein könnten, die, ich bitte um Verzeihung, nach etwas wie Unkultur duften. Wissen Sie, daß Sie mir in der Tat sozusagen ein wenig als noch in einer gewissen Unwissenheit umhertappend vorkommen?
Ich rede sehr offenherzig, aber ich richte ja diesen Brief nicht an Sie, sondern an die Öffentlichkeit, die kein so zarter Apparat ist, daß man glauben müßte, sie zerbräche vor Gekränktheit über eine womöglich etwas schonungslose Aussage. Ich halte viele gebildet scheinende Frauen für in ziemlich umfangreichem Maß ungebildet, und es freut mich förmlich, den Einfall gefunden zu haben, zu sagen, was mir  diesbezüglich längst im Gefühl oder im Gemüt schlummert. Es sei nun rund um Sie wieder alles, alles leer, und Sie hätten eine Sehnsucht, ein unabweisbares Verlangen, zu mir zu kommen, vor meiner Türe zu stehen, hielten Sie für angezeigt, mir zu schreiben, über welche Äußerung ich mir nicht erlaubt habe, auch nur mit einem Muskel meines Gesichtes zu zucken. Ich schaute diese Äußerung bloß, wie soll ich sagen, großen Auges an, als mache sie mich staunen, wie wenn mir diese Äußerung als etwas Gemäldeartiges vorgekommen wäre. Ich halte Sie nämlich nicht für unglücklich, also nicht für das, als was es Ihnen zu passen scheint, mir vorzukommen, obschon ich mich vielleicht in dieser Hinsicht täuschen kann. Ich halte es aber für meine Pflicht,  Sie nicht für unglücklich zu halten, sondern eher bloß für ein wenig  gelangweilt, was doch aber weiter nicht schlimm ist, das werden Sie zugeben. Haben Sie etwa den Versuch machen wollen, mich sentimental zu machen? Wenn es so wäre, würde ich mir erlauben, Sie zu bitten, auf dieses Unternehmen zu verzichten, denn ich aß beispielsweise gestern eine Speise, die mich unbefriedigt ließ, und fühlte mich deswegen dennoch nicht im seelischen Gleichgewicht angegriffen, woraus Sie sehen können, wie schwierig es ist, mich zu anormalisieren. Ihre Aufgabe scheint darin zu bestehen, mir Mitleid mit Ihnen einzuflößen. Inwiefern Sie es nicht umgangen haben, mich Seelenfreund zu nennen, würde ich vielleicht das Recht haben, Sie zu bedauern, aber wenn Sie Lust haben, es Ihnen Vergnügen macht, wie eine Art Bettlerin vor der Türe meines Zimmers zu stehen, so dürfen Sie dies selbstverständlich zu jeder Tageszeit tun. Ich erlaube Ihnen, ganze Nächte lang in der Straße auf- und abzupromenieren, in der ich wohne; nur möchte ich Sie aufgefordert haben, sich für dies Geschäft möglichst warm anzuziehen, damit Sie sich nicht erkälten. Meine Meinung ist, daß man alles tun darf. Ich finde es also nicht unpassend, eher nur ein bißchen leichtsinnig von Ihnen, sich nach einer Berührung durch mich zu sehnen. Ich würde froh sein, wenn Sie sich dies alles lediglich eingeredet hätten, und wenn Sie sich, bei einigem Besinnen, von einer Romantik zurückziehen würden, die sich mir mit unserer heutigen Wirklichkeit nicht zu vertragen scheint. Was ich beifüge, ist, daß ich Sie für eine viel zu nette, feine und artige Frau halte, für eine viel zu zarte Seele, als daß sie fähig zu sein vermöchten, meine Freundin oder Begleiterin zu sein, denn mir würde es vielleicht eines Tages einfallen, Sie dorthin zu ziehen, wo man mich mit allen Regeln der Kunst zu überlisten sucht. Sie würden in meiner Gesellschaft zu häufig Anlaß erhalten, Standhaftigkeit zu beweisen, und es wäre unhöflich von mir, Ihnen dies zuzumuten.  Warum wollen Sie nicht das brave Frauchen bleiben, das Sie mit jeder Faser Ihres Wesens sind, und warum wollen Sie die nähere Bekanntschaft eines Menschen machen, der sich schon in Gemächern aufhielt, worin an der Wand vielleicht eine Abbildung hing, auf der ein hingerissenes Individuum vor einem gleichsam Gläsernen, Gelassenen hinkniete, und der sich überall befeindet und sich im Nu wieder zum Freund macht, was mitanzusehen für Sie viel zu enervierend wäre? Ich scheine etwas wie der Starke zu sein, der auf Sie, da Sie zart sind, anziehend einwirkt! Sie aber scheinen das Leben nicht zu kennen; sie blickten bis dahin nur aus sauberster Distanz in die Welt hinein, mit deren Alltäglichkeiten ich vertraut bin, mit denen ich spiele. Für Sie wäre es aber nicht dasselbe. Sollte Ihr Herr Gemahl wirklich ein so unausstehliches Etwas sein, als das ihn eine Unverheiratete sicher nicht anschauen würde? Einer ledigen Dame würde er sicher im ganzen genommen gar nicht so unlieb sein. Darf ich Sie bitten, sich vergegenwärtigen zu wollen, daß ich meine durchaus eigene, besondere, schöne, unschöne, liebliche, herbe Mission habe, und wie ich vor allem gern mir selber treu bleibe? Sie störten mich sehr, und was Ihre Ehe betrifft, so bin ich mindestens jede Woche einmal Passiv- oder Aktivmitglied bei einer Eifersuchtsaffäre. Für mich wäre das also nichts Neues. Bleiben Sie lieber, bitte, für mich ein fortwährendes, unauflösliches, hie und da zu Nachdenklichkeiten Anlaß gebendes, hochanständiges, gutbürgerliches Rätsel. Auf mich machen Sie den Eindruck einer Frau, die sich mehr Bedeutung beimißt, als ihr gestattet zu sein scheint. Möchten Sie nicht den Schreiber dieser Zeilen sich zu denjenigen Frauen hingezogen fühlen lassen, die sich dadurch gewissermaßen auszeichnen, daß sie eher in Wirklichkeit bedeutend sind, als daß es ihnen darum zu tun wäre, so zu scheinen? Dies ist sicher ein sehr herzhafter, weil unartiger Brief.

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© ANNA HERB; LK-D 13/1, No.1, 10.10.00

 

Hinführung

Ich sitze mit einer Freundin zu Hause und lasse mir von ihr die Ohren vollheulen, wie schlecht es ihr doch geht. Ihr Freund ist schon zum dritten Mal mit einer anderen durchgebrannt. Doch das scheint sie wenig zu stören. Entscheidend ist nur, dass er sie nicht endgültig verlässt, dass sie ihn nicht verliert. Ich höre mir das alles brav an und stimme ihr, wann auch immer sie zwischen ihren Schluchzern eine Bestätigung haben möchte, zu.  Doch eigentlich denke ich, dass sie nicht so zimperlich sein, sich endlich von  diesem Typen losreißen und erkennen sollte, dass sie sich da in etwas völlig  Sinnloses verrennt. Aber sage ich ihr das? Nein. Dazu bin ich zu feige. Sie ist eine gute Freundin,  ich gerne behalten möchte. Ich möchte sie nicht mit meinen Kommentaren von mir wegstoßen.

Dem Schreiber von Robert Walsers „Unartigem Brief“ geht es nicht so wie mir. Er bezeichnet sich sogar als jemand, der autonom genug ist immer und überall zu sagen, was er gerade denkt.

 

Textvorstellung

In dem fiktiven Brief geht es zunächst darum, dass der Schreiber auf einige Briefe einer „verehrten Frau“ (Z.1) antwortet. Seine Antwort soll der verheirateten Frau klar machen, dass er im Gegensatz zu ihr kein Interesse an einer Beziehung mit ihr hat, sondern höchstens gesellschaftlich durch sie angeregt werden will. Er führt ihr den ganzen Brief über vor, wie unpassend und naiv sie sich ihm gegenüber verhalte und wie zart und artig sie doch sei. Er hingegen brauche wenn überhaupt eine Begleiterin, die nicht so weltfremd wie sie sei (Z. 104), sondern wisse, wie bedeutend sie wirklich in der Welt sei. Dass sei  wichtig, da er ein sehr wechselhaftes Leben führe (Z. 100) und darauf auf keinen  Fall verzichten wolle. Er stellt sich sogar als eine Art Salonlöwe dar. Letztendlich nennt er diesen, trotz korrekter sprachlicher Umgangsformen doch sehr kritischen Brief einen „herzhaften, weil unartigen Brief“.

 

Interpretationsthese


Die verehrte Frau ist allerdings nur der scheinbare Adressat des Briefes. Es taucht zwar keine andere Anrede als „Sie“ auf, aber in Z. 43ff macht der  Schreiber klar, dass der Brief sich eigentlich an die Öffentlichkeit richtet. Schon allein das lässt den Leser stutzen, denn er wird nun seiner Illusion  beraubt, er lese einen Brief, der ausschließlich für diese Frau bestimmt war.  Ihm wir sogar gesagt, dass dieser Brief für ihn sei.

Aber der Schreiber des Briefes geht noch weiter. Er macht durch seine Aussage in Z. 45ff. deutlich, dass dieser Brief vor allem an die Frauen gerichtet ist, die sich, in seinen Augen, für gebildet halten, es aber nicht sind. Er freut sich regelrecht über seinen Einfall, jenen Frauen seine Meinung über sie, in der Form dieses erdachten Briefes, mitzuteilen.
Das hat natürlich zur Folge, dass die Figur der „verehrten Frau“ zu seinem Synonym für all diese Frauen wird. Ob er sie nun nach einer bestimmten Figur einer Bekannten oder nach mehreren zusammen zeichnet, bleibt unklar.

So eine Art von Text kann der Schreiber allerdings nur verfassen, weil er sein deutliches Selbstbild von sich hat, das ihn darin unterstützt und das er im Brief auch durch Kommentare zeichnet.

 

Analyse und Deutung

Was vielleicht zunächst auffällt, ist der Umgang mit seinem Ansprechpartner, in  dem er sich oft als Wissender darstellt. So z.B. wenn er der „verehrten Frau“ erklärt, er wisse ohne Zweifel, was bei seinem Besuch bei ihr, in ihrem Kopf vorgegangen sei, nämlich dass sie dazu gewillt wäre ihre Ehe für eine Beziehung mit ihm aufs Spiel zu setzten. Auch bezeichnet er sie in einer „gewissen Unsicherheit umhertappend“ (Z. 42). Um das durchschaut zu haben müsste er ja diese Unwissenheit hinter sich gelassen haben.
Weiter sieht er es als eine Pflicht (Z. 60), ihr, da er weiß, klarzumachen, dass sie nicht unglücklich mit ihrem Ehemann sein, sondern lediglich gelangweilt. Am deutlichsten und fast zusammenfassend beschreibt er in Z. 102ff, dass sie nur aus einer Distanz die Dinge der Welt sehe, die für ihn selbstverständlich seinen, nämlich die Alltäglichkeiten. Mit diesen sei er so vertraut, dass er 
sogar damit spielen könne.

Dieses Wissen um den Lauf der Alltäglichkeiten, das ihn auch dazu befähigt die „verehrte Frau“ auf ihre Unwissenheit hinzuweisen, gibt ihm die Möglichkeit so zu handeln, wie er das möchte. Er bezeichnet seinen Lebensstil nicht als leicht für jemanden, der die Welt nicht kennt, aber für ihn, da er sich durch sein Wissen zum Freund oder Feind machen kann, wen er will (Z. 99ff).

Und genau das tut er auch in diesem fiktiven Brief, indem er frei heraus sagt, was er über jene Art von Frauen denkt (so stellt er es zumindest dar) und den er, gerade wegen seiner Offenheit als „herzhaft, weil unartig“ (Z.125) bezeichnet.


Aus dieser Aussage geht für mich mehreres hervor.
Zunächst einmal scheint es seine Meinung zu sein, dass man nur von Herzen handeln könne, wenn man unartig handle. Das hätte zur Folge, dass man, wenn man artig handelt, nicht von Herzen handeln kann. 

Was aber ist artig und unartig?
Artig bedeutet der Art entsprechend. Gehe ich nun davon aus, dass der Mensch ein „Gesellschaftstier“ ist, und das tue ich, so ergibt sich, dass artig handeln bedeutet den Regeln der Gesellschaft gemäß zu handeln.
Unartig und das, was der Schreiber als herzhaft bezeichnet, wäre also dann, so zu handeln, wie einem zumute ist, aber wie es die Regeln der Gesellschaft vielleicht nicht akzeptieren.

Der Schreiber des Briefes kann unartig, also herzhaft handeln, da er autonom und angeblich nicht von der Gesellschaft abhängig ist. Nun stellt er seinen direkten Adressaten als „nette, feine und artige Frau“ dar, also als etwas Gegensätzliches zu ihm, das so handelt, dass er es als Unkultur bezeichnen würde.
Seine Erklärung daraus ergibt sich folgender Maßen: Die Kunst der Geselligkeit  also das kulturelle Verhalten bestehe darin, dass man sich im Verbindung herstellenden Bemühen geübt habe (Z. 37) und nicht im Unter- und Überschätzen seiner Selbst und seines Gegenübers. Aber das genau tue die Frau, wenn sie glaube, er wäre an ihr interessiert oder sie sei bedeutend in der Welt. Sie überschätze und das sei Unkultur.

Alles in allem ergibt sich daraus ein Bild vom Kultur und Unkultur -Begriff des  Schreibers.
Kultur setzt er mit Herzhaftigkeit, mit unabhängigem Handeln, mit Durchschauen der Alltäglichkeiten und mit Unartigkeit gleich, woraus folgt, dass man kultiviert ist, wenn man offenherzig mit Menschen umgeht und sich über den Lauf der Dinge frei äußert.
Unkultur setzt er mit Über- und Unterschätzung, also Unwissenheit um sich selbst und seine gegenüber, mit Zartheit, Nettigkeit, mit Schmeicheleien, mit Artigkeit und mit Emotionen gleich.
In Z. 110 weist der Schreiber darauf hin, dass er eine Mission habe, die besonders, schön, unschön, lieblich oder herb sein könne. Darunter verstehe ich, dass er es, da er die Alltäglichkeiten durchschaut hat, als seine Mission sieht unartig, also herzhaft zu sein. Die Reaktionen darauf können schön oder unschön, lieblich oder herb sein. Wenn er das als seine Mission ansieht, dann sieht er es auch als seine Aufgabe, den Frauen, die er ansprechen will, „herzhaft“ seine Meinung zu sagen.



Nun ist die Frage, in welchen Formen er versucht der „verehrten Frau“ und somit allen angesprochenen Frauen, ihre Unkultur vorzuführen. Ziel ist es auf jeden Fall, eben durch die gewählte Form des fiktiven Briefes, die Frauen persönlich anzusprechen, denn sie könnten ja allesamt mit „verehrte Frau“ gemeint sein.

Schon die Art, wie er den Brief beginnt, in indirekter Rede und „sie“ zitierend, zeigt eine gewisse Unhöflichkeit und das Verlangen ihr zu widersprechen. ( Wenn ich nun von „ihr“ spreche ist damit zunächst die „verehrte Frau“ gemeint - im weiteren Sinne sind damit alle angesprochenen Frauen gemeint.) Als erstes muss er ihr aufzeigen, dass sie nicht präzise genug in ihrer Wortwahl ist. Sie bezeichnet das Haus als „wieder still“, nachdem er weg ist, und meint damit eindeutig die Aufregung, die sein Besuch für sie bedeutete. Er aber fasst das Wort „still“ ausschließlich mit akustischer Bedeutung auf und hält sich lange daran auf ihr klarzumachen, wie leise ihre Unterhaltung gewesen sei.
Unkultur sei es also mit einem Begriff aus der Akustik emotional umzugehen.

Für ihn scheint es schon wünschenswert zu sein, sich von ihrer Anmutigkeit und ihrer Ehre inspirieren zu lassen, schließlich bezeichnet er sich nicht als gelangweilt, sondern als „lebhaftest aufgestachelt“ (Z. 19). Aber es geht ihm nicht um eine Konversation mit ihr, sondern er möchte ihre Anmutigkeit und ihre Ehre als Anregung für andere Gedanken. Das sei die Umgangsform, die für ihn Kultur sei - nicht ihr Verlangen nach einer Beziehung mit ihm.


Als nächstes möchte er ihr klarmachen, wie unangebracht es ist, ihm mit einer Bezeichnung wie „ihr Licht“ zu schmeicheln. Das ist für ihn eindeutig Unkultur, da er es auch noch als „Artigkeit“ (Z.32) einem Vertreter des stärkeren Geschlechtes entgegen bezeichnet. Der Begriff artig und damit auch Artigkeit gehört eindeutig zur Definition von Unkultur, da er nicht herzhaft ist. Nun sagt er ihr auch noch indirekt, dass sie vielleicht mit einem Lob den Versuch begehe Geselligkeit zu üben, zeigt ihr aber dann direkt, dass ihr das nicht 
gelinge.
Er freut sich regelrecht darüber ihr zu verdeutlichen, dass er sie durchschaut hat (Z. 32: „obwohl ich sie im übrigen ganz gut begreife“) um ihr später zu sagen, dass er sie für unwissend hält. Wieder muss er ihr vorführen, wie kultiviert er im Gegensatz zu ihr ist.

 

In dem Abschnitt von Z. 43 bis Z. 50 macht er sein Anliegen, sich an alle Frauen der Unkultur zu richten, deutlich. Dabei versucht er auch zusammenzufassen, wodurch sich diese auszeichnen. „Ich halte viele gebildet scheinende Frauen für in ziemlich umfangreichen Maß ungebildet“ (Z. 47/8). Es geht ihm also auch hier hauptsächlich um die Überschätzung, die diese Frauen  sich selbst gegenüber haben, und er als Wissender durchschaut das.


Zwei weitere Aufweisungen von Überschätzung folgen.

Erstens ihre Überschätzung, zu glauben ihm mitteilen zu müssen, dass sie ihn gerne besuchen und berühren würde. Und wieder verweist er sie auf die Formulierung. Schreibt sie, sie habe ein Verlangen vor seiner Tür zu stehen und meint damit ihn zu besuchen, so weist er darauf hin, dass sie sich dürfe. Wieder der indirekte Hinweis, sie solle sich direkt und offen ausdrücken und nicht durch Floskeln.
Zweitens folgt der Hinweis auf ihre Überschätzung der Situation. Sie halte sich für unglücklich, er halte sie lediglich, da er den Alltag kenne, für gelangweilt (Z. 62) und deswegen solle sie ihr wahres Ich, nämlich die „nette, feine und artige Frau“ (Z. 86f.) die sie „mit jeder Faser ihres Wesens“ sei (Z. 94), nicht verleugnen. Das sei nämlich wiederum Unkultur, da Verstellung und falsche Einschätzung.


Ihre Naivität, also das Nicht-Durchschauen von Alltäglichkeiten betont er mehrmals (Z. 42; 85; 104) und zeigt ihr damit, wie wenig sie in seine Welt passen würde, denn er kennt die Alltäglichkeiten so gut, dass er damit spielen kann.

Er führt ein Leben, indem ein Freund sogleich ein Feind sein kann (Z.100), er hält sich in den verschiedensten Kreisen auf (Z. 97) und sieht es eindeutig als seine Mission an, nicht freundlich nur das zu sagen, was andere von ihm hören wollen, sondern ihnen frei seine diesbezügliche Meinung zu sagen.


Am Ende des Briefes bezeichnet er sie eindeutig noch mal als das, was er der Masse der Frauen vorwirft. „Eine Frau, die sich mehr Bedeutung beimisst, als ihr gestattet zu sein scheint“ (Z. 119f.). Das hat den Sinn, dass sie diese Frauen, die sich angesprochen fühlen sollen und in Z. 46f. eine kurze Skizze ihrer Selbst erhalten haben, nun endgültig merken, dass SIE die Angesprochenen sind, die der Schreiber der „Unkultur“ überführen will. 

 

Wertung und Schluss:

Nun stellt sich die Frage, inwiefern ich diese Art von fiktivem Brief für gerechtfertigt halte. Dazu finde ich es sinnvoll mir die Konsequenz seiner Argumentation anzuschauen.

Wenn ich davon ausgehe, dass er die von mir gezeichnete Definition von Kultur und Unkultur hat, finde ich ihn schon recht konsequent, wenn auch teilweise fast pedantisch im Veranschaulichen. Er kommt mir eher im Belegen seiner Selbstaussage etwas inkonsequent vor. Vor allem behauptet er so autonom zu sein, dass er jedem von Herzen sagen kann, was er gerade will. Andererseits freut er sich darüber endlich eine Form gefunden zu haben, diesen Frauen seine Meinung mitzuteilen. Es scheint ihm nicht möglich ihnen direkt zu sagen, was er denkt, vielleicht auch, weil er sich gerne von ihnen inspirieren lässt.


Abgesehen davon, dass er sich in diesem Punkt meiner Meinung nach widerspricht, finde ich die Form des erfundenen Briefes, in dem zur Überraschung des Lesers in der Mitte das Bewusstsein des Autors geäußert wird, dass es eine Fiktion ist, sehr ungewöhnlich und interessant. Durch die ambivaltente Adressatenstruktur ist es dem Schreiber möglich an eine einzelne Person zu schreiben und trotzdem viele anzusprechen.

Auch in dem Punkt stellt sich der Schreiber im übrigen als Wissender dar, da er glaubt zu wissen, dass sich die betroffenen Frauen angesprochen fühlen. Ob er in dem Punkt recht hat, vermag ich nicht wirklich zu beurteilen. Aber ich glaube, hätte ich als solche Frau diesen „unartigen Brief“ in die Hand bekommen, hätte ich mich schrecklich darüber aufgeregt, gerade weil ich mich angegriffen gefühlt hätte.

Ich finde die Definition, des Schreibers von Kultur und Unkultur interessant. Ich stimme ihm insofern zu, dass es oft löblicher wäre ehrlich zu sein, auch wenn das auf Widerstand stößt. Allerdings denke ich, dass es nicht nur darauf ankommt offenherzig zu sein, sondern das Kultur auch etwas mit dem Zusammenleben der Menschen zu tun hat. Und da finde ich es manchmal wichtig abzuwägen, welche Aussage diesem Zusammenleben wirklich schaden kann. Ich sehe es fast als utopisch an, wirklich ein Mensch zu sein, der von nichts und niemandem abhängig ist. 

 

Wie schon erwähnt, halte ich den Menschen für ein Gesellschaftstier, das davon abhängig ist, Zuneigung und Aufmerksamkeit zu bekommen und mit anderen zu kommunizieren. Und davon ist selbst der Schreiber des unartigen Briefes abhängig.
Ich halte es also fast für unglaubwürdig, dass er in jeder Situation seine Meinung sagt, selbst wenn sie ihm selbst schaden könnte. Wenn er allerdings nur sagen würde, dass man dann ehrlich sein soll, wenn man glaubt die Reaktion einschätzen zu können und mit ihr gut weiter leben zu können, würde ich mir vielleicht von der Weisheit eine Scheibe abschneiden. Aber selbst dann gibt es noch Situationen, in denen er nicht offenherzig ist, da auch er mit manchen Reaktionen nicht umgehen kann, sonst wäre das meiner Meinung nach unmenschlich.